Ehre sei Gott in der Höhe

Liebe Leserin, lieber Leser,

„Ehre sei Gott in der Höhe und Frieden auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen“ singen wir jeden Sonntag. Kaum jemand denkt daran, wer das zuerst gesungen hat: Die „Schar der himmlischen Heerscharen“ in der Weihnachtsgeschichte, nachdem der Engel den Hirten seine Botschaft gebracht hatte. Wir feiern also jeden Sonntag ein bisschen Weihnachten, oder?

In meiner Jugend wurde in unsrer Kirche in München NIE „Stille Nacht“ gesungen. Das Lied war nach dem 2. Weltkrieg nur als Gebetstext im Gesangbuch. Gar nicht mal, weil sein Ursprung katholisch war. Für die Evangelischen enthielt die Melodie viel zu viel Gefühl. Nach 1945 meinte man, die Verbrechen und Zerstörungen waren nur möglich, weil die Nazi-Ideologie die Menschen bei den Gefühlen gepackt und den Verstand ausgeschaltet hatte. Mit weniger Emotionalität hätte man sich nicht hinreißen lassen zu Meinungen und Taten, die kein vernünftiger Mensch vollbringen würde.

Also weg mit den gefühlsseligen Liedern hin zu mehr theologisch geprägten. So wurde „O, du fröhliche“ DAS evangelische Weihnachtslied. Kein Heilig Abend in meiner Heimatkirche in München, der nicht mit diesem Lied beschlossen wurde. Nur: Ich hatte Probleme mit der 3. Strophe. „Himmlische Heere“? Zwar war ich als Soldatenkind noch angewiesen worden, beim Überholen eines Manöver-Konvois der Bundeswehr den Soldaten auf der Ladefläche der LKWs zu winken. Aber das lag lange zurück. Inzwischen waren wir friedensbewegt; spotteten sogar, wennSoldaten in die Klasse kamen und für Mitwirkung bei der Straßensammlung für die Kriegsgräberfürsorge warben. „KriegsgräberVORsorge“ nannten wir das und hielten uns für oberschlau. Nein, „Himmlische Heere“ singe ICH NICHT! „Himmlische Chöre“ fand ich logischer: Chöre singen. Heere kämpfen.

Ein paar Jahrzehnte und politische Erfahrungen später gingen mir mehrere Lichter auf: Frieden wollen alle – aber was ist, wenn eine Seite sich rücksichtslos durchsetzen will? „Gibt der Klügere immer nach, wird die Welt bald von Dummen regiert“, las ich neulich. Das ist ja wahr. Zwar sagt Jesus „Schlägt dich einer auf die rechte Backe, halte ihm auch die andere hin!“ Das ist aber keine zurückweichende Haltung, sondern eine sehr aktive. Denn wenn ein Rechtshänder jemanden auf die rechte Wange schlägt, tut er das mit dem Handrücken. Hält man ihm dann die Linke hin, kommt der Schlagende ganz schön aus dem Konzept. Er muss dann eine richtige Ohrfeige geben oder „aufwachen“ und aufhören. Wer die andere Wange hinhält, ist also alles andere als ein Opfer. In der Bergpredigt sagt Jesus NICHT: „Selig sind die Friedlichen“, sondern „Selig sind, die Frieden STIFTEN.“ „Sei friedlich“ hieß in meiner Kindheit: „Zieh dich zurück, gib nach!“ Nur sagte keiner, wie lange man das tun soll. Die Erfahrung zeigt, dass Zurückweichen Angreifer selten besänftigt, eher immer weiter gehen lässt, bis was Schlimmes passiert. Es wurden wohl mehr Leben durch Selbstverteidigungskurse gerettet als durch die Empfehlung „Sei halt friedlich!“ Selbstverteidigung nimmt den Schwung des Gegners auf und wendet ihn gegen ihn zurück. Nicht ich falle um, sondern der Angreifer selbst, dem dann meist die Lust auf Aggression schnell vergeht. Ob Jesus so was gemeint hat?

„Frieden stiften“ nicht durch Rückzug, sondern einen Schritt vorwärts auf den Gegner zu, ohne ihn aktiv anzugreifen? Nur, indem man Raum einnimmt, für sich und die Sache einsteht? Kann schiefgehen, klar. Ständiges Nachgeben geht auch oft sehr schief! Nun verstand ich die Strophe ganz anders. „Himmlische Heere jauchzen dir Ehre“. Heere,die Gott loben und preisen, statt zu kämpfen und zu töten. Heere, die durch Gesang „gewinnen“, weil sie den Gegner anders „überwältigen“ als durch Gewalt. Das wäre schön.

Klingt aber utopisch. Unrealistisch. Aber beginnt nicht jeder Kampf, jeder Krieg im Kopf und mit Worten? Was wäre, wenn wir durch Gesang zur Ehre Gottes auf einer geistigen-geistlichen Ebene tatsächlich etwas bewirken könnten? Wenn wir böse, menschenfeindliche Gedanken abfangen und ihren Schwung umleiten könnten, so dass sie nicht zu bösen, menschenfeindlichen Taten werden?

„Ehre sei Gott in der Höhe ...!“

Eine gesegnete Advents- und Weihnachtszeit

BARBARA WEICHERT

 

 

 

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