Verantwortung übernehmen - für die Vergangenheit und für die Zukunft

8. Stolpersteinverlegung in Bad Brückenau und Gedenkstunde zur Befreiung von Auschwitz im Bundestag

Schattenriss von Ernst Putz
Bildrechte Dirk Hönerlage

„Möge die Erinnerung zur Verantwortung führen. Möge die Verantwortung zum Handeln anleiten. Und möge Handeln sicherstellen, dass »Nie wieder« kein Slogan bleibt, sondern eine dauerhafte Verpflichtung.“

Mit dieser eindringlichen Mahnung wandte sich Tova Friedman aus Anlass des Gedenktags zur Befreiung von Auschwitz (27. Januar) im Deutschen Bundestag an Abgeordnete und Gäste. Friedman, im September 1939 geboren, durchlitt als Kleinkind Gewalt und Grauen im Vernichtungslager, entkam wie durch ein Wunder dem Tod im Gas, überlebte - anders als 1,5 Millionen ermordeter Kinder. Für die wolle sie, das „Mädchen von Auschwitz“, sprechen, und so habe sie sich vorgenommen, bis zu ihrem „letzten Atemzug“ aufzuklären und auf engagiertes Handeln gegen tödliche Unmenschlichkeit im allgemeinen und Antisemitismus im Besonderen hinzuwirken.

Auf Einladung von Bundestagsvizepräsident Bodo Ramelow sowie MdB Sabine Dittmar konnte eine kleine Bad Brückenauer Delegation der Feierstunde beiwohnen und in einer dichten, tief berührenden Atmosphäre den Ausführungen Tova Friedmans folgen: ihrer erschütternden Lebensgeschichte und den daraus resultierenden Forderungen für die Gegenwart.   

Die von Ramelow und Dittmar ausgesprochene Einladung steht in direktem Zusammenhang mit ihrem Besuch am 18.11.2025 in Bad Brückenau. Beide Abgeordneten nahmen im Herbst an der vom AK „Stolpersteine“ initiierten und von einer breiten Öffentlichkeit getragenen Veranstaltung teil, bei der ein Stolperstein für Ernst Putz gesetzt und die Info-Stele zum DenkOrt Deportationen enthüllt wurde. Mit dem Angebot, zur Feierstunde im Bundestag nach Berlin zu kommen, sollte das Engagement gewürdigt werden, mit dem in unserer Stadt Erinnerungskultur realisiert und gelebt werde. Und die eben auch darauf abzielt, Erinnerung zu einem mahnenden Auftrag der Gegenwart zu transformieren. Diese Verknüpfung hob Ramelow im November während der Stolpersteinverlegung auch in seinem Grußwort hervor, in dem er die Würdigung des einstigen Reichstagsabgeordneten mit dem Appell verknüpfte, Demokratie und Menschenrechte entschlossen zu schützen: „Es ist die Angelegenheit von uns heute, die Anzeichen zu sehen und zu sagen: Nie wieder ist jetzt.“

Damit war der Ton gesetzt, der auch für den DenkOrt Deportationen gilt – ein unterfränkisches Projekt, an dem Bad Brückenau sich bekanntlich beteiligt. Zur Grundidee dieses „partizipativen Denkmals“ gehört es, ein identisches Gepäckstück (den mit wenigen Habseligkeiten gepackten Koffer) sowohl vor dem (Deportations-)Bahnhof in Würzburg als auch im Herkunftsort aufzustellen. Unter dem Leitwort Wir wollen uns erinnern wird auf diese Weise der erzwungene Abschied der jüdischen Einwohner symbolisch sichtbar gemacht, der in die systematische Ermordung führte.

Metallkoffer in Bad Brückenau
Bildrechte Dirk Hönerlage

Der Bad Brückenauer Metallkoffer wurde bereits 2021 vor dem Alten Rathaus der Stadt platziert. Am 18.  November 2025 wurde im Beisein von Staatsminister Dr. Ludwig Spaenle, dem Antisemitismusbeauftragten der Bayerischen Staatsregierung, nun der Titel des Gepäckstücks in zwei davor gesetzte Stolpersteine eingraviert sowie eine Infotafel aufgestellt. Sie erläutert das Konzept – nämlich das ernsthafte Gedenken jedes ermordeten Mitbürgers zwingend zu kombinieren mit wehrhafter Wachsamkeit gegen antisemitische und rassistische Tendenzen in unserer heutigen Gesellschaft. So lässt sich nochmals der Bogen schlagen zu Tova Friedmans nachdrücklichem Wunsch:

„Möge das Gedenken zu Verantwortung führen. Möge die Verantwortung zum Handeln anleiten. Und möge Handeln sicherstellen, dass »Nie wieder« kein Slogan bleibt, sondern eine dauerhafte Verpflichtung.“

Dirk Hönerlage

AK „Stolpersteine“